Wir sind froh…
… froh, heute so viele Gäste bei uns begrüßen zu dürfen, nach 75 Jahren - was schon etwas ganz Besonderes ist.
Als Spartenleiter des Zeltlager Adlerhorst bin ich froh und dankbar für die Glückwünsche aus der Lokalpolitik. Schön zu wissen, dass ehrenamtliches Engagement in einer gemeinnützigen Organisation hierzulande noch gewürdigt wird.
Daher freue ich mich auch heute, so viele fleißige Helfer und Unterstützer in unseren Reihen zu wissen. Ich danke den Firmen Blunk, Timberbaum und Dose und allen anderen Gewerken, die uns beim Betrieb des Zeltlagers und besonders heute bei der Durchführung des Tages der offenen Tür behilflich sind. Ich danke dem 1. Vorsitzenden unseres Vereins für seine Anwesenheit. Ich danke der Feuerwehr, dem Spielmannszug, den Freunden aus Brünen und Ottendorf, sowie den anderen Zeltlagerfreunden und Bekannten und natürlich den Helfern aus den eigenen Reihen. Nur mit euch ist dieser Tag in dieser Form überhaupt möglich.
Besonders freut es mich natürlich heute auch, so viele Ehemalige bei uns begrüßen zu dürfen. Dass wir hier heute stehen und ein 75-jähriges Jubiläum feiern dürfen, das ist mitunter auch gerade euer Verdienst. Viele von euch sind nach ihrem “aktiven Dienst” im Zeltlager zu Unterstützern und Spendern geworden, haben für uns die Werbetrommel gerührt oder uns beratend zur Seite gestanden. Das zeigt von einer tiefen Verbundenheit. Vielen Dank dafür.
Wo wir gerade von Spendern reden; wer das Zeltlager gerne dauerhaft unterstützen möchte, der hat ab heute die Möglichkeit eine Spendenpatenschaft mit uns einzugehen. Spendenpatenschaft bedeutet, jährlich oder monatlich einen Betrag ans Zeltlager zu spenden, aus dem dann Projekte wie aktuell zum Beispiel zwei Kanus oder eine neue Wasserrutsche finanziert werden. Anträge auf Patenschaft liegen da vorne aus und werden in der großen Kiste gesammelt. Wer weitere Informationen möchte, kann sich gerne an die Mitglieder der Helfergemeinschaft wenden.
Werbung Ende.
“Adlerhorst”! Allein der Name weckt schon Assoziationen. Wenngleich die Herleitung vom Namen unseres Trägervereins, der wiederum nach seinem Gründer Eduard Adler benannt wurde, relativ unspektakulär und naheliegend ist, so möchte ich an dieser Stelle gerne mit einer kleinen Metapher um die Ecke kommen.
Eine Legende von den Native Americans berichtet von der sogenannten “Transformation” oder “Erneuerung” des Adlers. (Hobbyornithologen unter uns mögen mir verzeihen, ich war unfähig die Fakten in der nötigen Menge zu verifizieren. Wir nehmen die Gegebenheiten jetzt einfach mal als wahr hin.) Demnach können die großen Seeadler auf der anderen Seite des “großen Teiches” weit über 35 Jahre alt werden.
Der Adler ist der König der Lüfte. - Nach dem Überschreiten des 30. Lebensjahres jedoch ist sein Gefieder kaputt und schmutzig, die Krallen sind abgenutzt, sein Schnabel, der das ganze Leben über wächst, ist lang und stumpf und die Flügel sind schwer. Das Jagen wird mühsam und Beute nur noch schwer zu erlangen.
Daher muss der Adler sich an diesem Punkt entscheiden, so die Legende. Entweder er muss bald sterben oder einen radikalen Schritt der Veränderung gehen, um am Leben bleiben zu können. Er muss sich entscheiden, durch einen sehr schmerzhaften Prozess der Transformation zu gehen. Er fliegt zurück in seinen Horst. Dort angekommen, rupft er sich alle Federn aus, die kaputt und schwer geworden sind. Auch seine stumpfen Klauen reißt er sich aus oder wetzt diese so lange an Steinen, bis sie kurz und scharf sind. Seinen viel zu lang gewordenen Schnabel schlägt der Adler so lange und fest an einen Felsen, bis er abbricht. Anschließend verbringt er eine gewisse Zeit in der Einsamkeit, um sich zu regenerieren. (Es ist von Wochen oder sogar Monaten die Rede. Keine Ahnung, was er in der Zwischenzeit frisst.)
Wenn alles nachgewachsen und erneuert ist, erhebt sich der Adler wieder in die Lüfte und lebt dann weitere 30 oder sogar 40 Jahre.
Als Zeltlager “Adlerhorst” haben wir ebenfalls schon mehrere Transformationen hinter uns. Das fängt schon bei Kleinigkeiten an, die sich über viele Jahre hinweg langsam verändert haben. Wurde zum Beispiel in den ersten Jahren noch auf Strohmatratzen geschlafen und Essen in der Gulaschkanone gekocht, so finden wir heute relativ bequeme Schaumstoffmatratzen mit hygienischen Latexbezügen in den Zelten und in unserer Küche wird nicht nur täglich frisch gekocht, wir sind in Teilen sogar dazu in der Lage auf Besonderheiten wie eine fleischfreie Ernährung und gewisse Unverträglichkeiten einzugehen. Der von der älteren Generation oft zitierte “Donnerbalken” ist schon lange einer modernen Sanitäranlage mit Anschluss ans Frischwassernetzt gewichen. Großraumzelte wurden zu festen Gebäuden und diese wurden umfunktionalisiert oder kernsaniert.
Die nächste große Transformation erfolgte Mitte der 80er. Dadurch dass die gesamte Umgebung - und ich drücke mich hier mal bewusst vereinfacht aus - zum “Naturschutzgebiet” erklärt wurde, sowie durch die, mangels einer passenderen Regelung, für uns ebenfalls bindende Campingverordnung, wurde eine weitere radikale Veränderung in unserem Zeltlager verlangt. Von nun an galt es, Sicherheitsabstände zum See und zwischen Gebäuden und Zelten einzuhalten. Zusätzlich mussten alle Betonsockel der Zelte durch transportable, im Winter verstaubare Holzfußböden ersetzt werden. Ein enormer Aufwand, der die Helfergemeinschaft finanziell und personell stark forderte, denn neben den Anschaffungskosten verlängerte sich die Aufbauzeit des Zeltlagers von wenigen Tagen auf mehrere Wochen.
Eine weitere tragende Veränderung war eine unsichtbare im Jahr 1999. Mit der Auflösung der benachbarten Kaserne wurde auch der Pachtvertrag mit der Bundeswehr aufgelöst und erneut schwebte Damokles Schwert über dem Zeltlager. Um die Geschichte hier abzukürzen: es gelang uns, das Gelände zu kaufen. Seitdem hat sich weiterhin viel vor - und hinter den Kulissen geändert.
Gleichwohl war und ist es immer unser Bestreben, die “Romantik eines Zeltlagers” aufrechtzuerhalten. Übernachten in Zelten, mit dem Kanu kentern, Abende am Lagerfeuer, sich bei Schietwetter gemeinsam unter eine Wolldecke kuscheln, Essen aus der Gemeinschaftsverpflegung - all das gehört untrennbar zu unserer Kultur. Manche Dinge bleiben auch dann immer gleich, wenn sie heute ein wenig anders sind als früher.
Zeltlager, das ist pure Nostalgie, gepaart mit einem geschickten Blick Richtung Zukunft. Oder wie ich gelegentlich gerne bei Versammlungen und Betreuertreffen zu sagen pflege: "Wir sind hier, weil wir die Besten, der Besten, der Besten sind."
(Die Freunde aus Selker Noor mögen mir diesen kurzen Anflug von Arroganz bitte verzeihen.)
Wie also geht man mit einer solch Nostalgie behafteten Organisation wie einem Zeltlager erfolgreich in Richtung Zukunft? Denn natürlich sind wir trotz aller Nostalgie dem technischen Fortschritt durchaus aufgeschlossen. Dies ist auch bitter nötig. Unsere Zeit heute ist schnelllebig und die Freizeit von jedem von uns wird zunehmend durch mehr Notwendigkeiten oder durch andere attraktive Angebote beansprucht. Über den Zeitraum von 75 Jahren sind Generationswechsel ganz natürlich und leider sind wir heute in der Helfergemeinschaft nur noch grob halb so viele Leute wie zu früheren Zeiten. Diese Lücken sind schwer zu schließen und meistens nur durch Fortschritt zu kompensieren. Viele der körperlich anspruchsvollen Arbeiten sind nur durch die Verfügbarkeit und Erschwinglichkeit von Maschinen zu schaffen. Wo früher viele kräftige Männer Bodenplatten von Hand tragen mussten, schafft heute meist ein geliehener Radlader schwere Materialien von A nach B. Im Bereich der Verwaltung, der Planung und Organisation sind wir dank Computer und Internet immer noch in der Lage, mit den Anforderungen unserer Gäste und so mancher Behörde mitzuhalten. Und unsere Küche wäre ohne moderne und hygienische Geräte wie Konvektomat und Industriespüler bereits hoffnungslos überlastet und vom Gesundheitsamt geschlossen worden.
Auch die Tatsache, dass ich heute hier stehe und meine Rede von einem Tablet ablese, ist unserem ständigen Bestreben nach Fortschritt zu verdanken. Ja, wir haben hier seit neuestem WLAN! Ob man es nutzen möchte oder lieber ganz bewusst Abstand vom hektischen Alltag und wieder die Nähe zur Natur sucht, das ist natürlich jedem selbst überlassen. Natur und Freizeitangebote haben wir jedenfalls reichlich zu bieten.
Ein gutes Beispiel hierfür ist meiner Meinung nach immer noch die Adler Kindergruppe, die jedes Jahr für zwei Wochen von uns organisiert wird und in der ich mich selbst als Betreuer engagiere. Eine handy- und smartphone-lose Ferienfreizeit für Kinder und Jugendliche zwischen acht und sechzehn. Diese Altersspanne in einer gemeinsamen Ferienfreizeit zu bespaßen, verlangt immer wieder den Spagat zwischen klassischen Geländespielen und neuen coolen Aktivitäten, in denen moderne Medien jedes Jahr gefragter werden. Und JA! Natürlich nutzen auch wir Betreuer ständig unser Smartphone. Mit einem Blick aufs Regenradar fällt die Entscheidung zur Abendplanung zwischen Stockbrot und BINGO wesentlich leichter. Schnelle Kommunikation über Messenger, während man bei den “Spiele ohne Grenzen” über das gesamte Gelände verteilt ist? Kein Problem! Und auch die auf der Fußgänger-Rallye "verloren" gegangene Gruppe lässt sich mit “geteilten Standorten” wesentlich schneller wieder einfangen.
Es wäre töricht davon auszugehen, dass es tatsächlich funktioniert, einen Teenager der heutigen Zeit dauerhaft vom Internet zu trennen. Zumal sich manche Eltern ernsthaft sorgen, sobald die letzte Statusaktualisierung ihres Kindes länger als zwölf Stunden zurückliegt.
Wie auch im Ehrenamt ist hier Freiwilligkeit das Mittel der Wahl. Das Telefon wird beim Betreuer abgegeben und kann zu vorher vereinbarten Zeiten wieder ausgegeben werden. In der Regel läuft das zwei oder drei Tage so, spätestens am vierten Tag ist das Telefon total vergessen und es dauert mindestens bis zum Besuchertag am Sonntag, bis es wieder eingefordert wird. Einmal habe ich es erlebt, wie ein 14-jähriges Mädchen bei der Anreise ihren Eltern unaufgefordert das Smartphone in die Hand drückte, mit den Worten “Bewahrt das mal bitte die nächsten zwei Wochen für mich auf. Das kann ich hier eh nicht gebrauchen.” Und gerade als man denkt “alles richtig gemacht” folgt der Nachsatz: “Ich habe die Tastensperre entfernt. Bitte denkt daran, meinen Freunden jeden Tag einen Snap zu schicken, damit meine Flammen erhalten bleiben.” - So ganz ohne soziale Medien scheint es dann doch nicht zu gehen…
Jedenfalls ist das für mich der Beweis, dass wir als Zeltlager in der Lage sind, für die “besten Wochen des Jahres” zu sorgen. Das werden wir auch weiterhin so beibehalten, egal in welche Richtung sich der Fortschritt entwickeln mag. In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz auf dem Vormarsch ist, würde es mich kaum wundern, wenn eines Tages die Maschinen, die uns heute die Arbeit erleichtern, irgendwann Anspruch an einen schönen Arbeitsplatz stellen oder Kinder darum bitten, dass ihre elektronischen Freunde sie auf der Freizeitfahrt begleiten dürfen. Zeiten ändern sich, Kinder und Jugendliche ändern sich. Der Bedarf an Orten wie diesem bleibt.
Und wenn der Fortschritt dafür sorgt, dass wir alle länger und gesünder leben, dann reduziert sich der prozentuale Anteil in unserem Leben, in dem wir Kinder sind und wird damit noch wertvoller. Für mich persönlich war als Kind die Zeit im Zeltlager immer die Beste. Ich bin überzeugt davon, dass das viele andere auch so sehen und in Zukunft weiter sehen werden. Daher bin ich besonders glücklich darüber, hier heute meinen Sohn anwesend zu haben. Der Kleine ist gerade mal fünf Wochen alt, hat aber seit gestern schon seinen Antrag auf Mitgliedschaft im Zeltlager am laufen. So lob ich mir das. Ein Teil gelebter Zukunft. Da werden wir wohl mehr von brauchen.
Zum Schluss möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei allen bedanken, die diesen Tag möglich gemacht haben. Allen voran beim Festausschuss und der restlichen Helfergemeinschaft. Dieser Tag ist euer Verdienst.
Des Weiteren wünsche ich euch und uns nachher eine schöne Feier. Nachher im Anschluss an den letzten Redebeitrag gibt es Schnittchen und Getränke für alle. Vielen herzlichen Dank an die Küchenhelfer. Es würde mich freuen, dann mit einigen von euch ins Gespräch zu kommen. Vielleicht lerne ich ja auch nochmal ganz neue Seiten unseres Zeltlagers kennen.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.